Into Eternity - 26. Mai im Mozartkino mit Diskussion
14.05.2011
"Eine der faszinierendsten Dokumentationen der letzten Jahre" (Die Presse, 6.5.11)
Salzburg | Mozartkino | 26. Mai | 20:15 Uhr | Heinz Stockinger (PLAGE)
Für „INTO ETERNITY“ hat der dänische Filmemacher Michael Madsen zahlreiche Preise erhalten. Die Jahrtausend-Hypothek wird am Beispiel des ersten Endlagers der Welt, derzeit im finnischen Onkalo in Bau, offenbar in ihrer Ewigkeitsdimension tatsächlich erfahrbar. Am besten aber, ich lasse einfach zwei Pressekritiken sprechen, die das Besondere an dem Film recht deutlich rüberbringen. Übrigens habe ich sogar in Le Canard Enchaîné von letzter Woche eine große Besprechung davon entdeckt! (Weitere Infos, Trailer und alle Tourtermine auch auf http://intoeternity.poool.at/.)
Danke Euch fürs Weiterleiten! - Heinz Stockinger, PLAGE
Film: Was ist die Zukunft des Atommüll-Grabs?
05.05.2011 | 18:33 | CHRISTOPH HUBER (Die Presse)
„Into Eternity“. Unglaublich und unheimlich: eine Dokumentation über das Endlager Onkalo auf Kinotour und im TV. Ein Film, der verblüfft und verstört.
Eine der faszinierendsten Dokumentationen der letzten Jahre ist derzeit auf Tournee durch Österreichs Kinos: Into Eternity von Michael Madsen – nicht der gleichnamige Schauspieler, sondern ein dänischer Künstler – ist ein Film, der verblüfft und verstört. Aber nicht (nur) wegen seines augenscheinlichen Themas: Es geht um das finnische Atommüll-Endlager Onkalo. Doch der Zugang ist nachgerade philosophisch – ein Film über die Unwägbarkeiten der Zukunft.
Das „Versteck“, ist ein Projekt, das zugleich progressiv wie weltfern anmutet: Das Tunnelsystem auf einer finnischen Halbinsel nahe Helsinki soll den hoch radioaktiven Atommüll der benachbarten Kraftwerke beherbergen (ein verschwindender Bruchteil der weltweiten Kernbrennstoffabfälle, wie angemerkt wird). Der soll dann 100.000 Jahre unberührt im Bauch der Erde liegen bleiben, bis er durch radioaktiven Zerfall nicht mehr tödlich ist. Wie der Filmemacher selbst kommentiert: Die Menschheit muss sich daran erinnern, diesen Ort zu vergessen.
Monumentaler als die Pyramiden
Also wählt Madsen einen Science-Fiction-Ansatz, sein Film wendet sich teils direkt an die Menschen der Zukunft: Was werden sie tun, wenn sie auf das Giftgrab Onkalo stoßen? Zu Wort kommen Wissenschaftler, Theologen, Ärzte und Entscheidungsträger, die am Tunnelprojekt beteiligt sind: Alle machen einen ausgesprochen vernünftigen Eindruck, obwohl sie über das Undenkbare spekulieren. Denn kein menschliches Unternehmen lässt sich mit Onkalo vergleichen: Als Bauwerke kommen Ägyptens Pyramiden am nächsten, doch die sind keine 5000 Jahre alt. Sie legen allerdings eine Frage nahe: Wie kann man künftige Grabräuber abschrecken? In welchen Sprachen sollen an der Oberfläche über Onkalo Warnungen angebracht werden, wird man sie in 100.000 Jahren noch verstehen? Wären Ideogramme die bessere Lösung? Einer schlägt Munchs „Der Schrei“ vor.
Keineswegs unumstrittene Gegenstimmen plädieren dafür, Onkalo nicht zu kennzeichnen: Auch Warnungen könnten Neugier wecken, was die Menschheit der Zukunft nicht weiß, kann ihr hoffentlich nicht schaden. Falls überhaupt Menschen Onkalo finden: Zehntausende Jahre vorauszudenken involviert eine „Entscheidung über das Ungewisse“, selbst Science-Fiction-Literatur spekuliert meist nur hunderte Jahre voraus – vielleicht entdecken Außerirdische die Höhle, oder Riesenkakerlaken tun sich dereinst am Atommüll gütlich.
Nicht nur da mag man an die visionären Dokumentarfilme von Werner Herzog denken (dessen neue 3-D-Doku über die mehr als 30.000 Jahre alten Wandbilder in der Chauvet-Höhle das ideale Gegenstück zu Madsens Film wäre).Madsen ist gleichermaßen verstört von der menschlichen Hybris, die das Leben zukünftiger Generationen aufs Spiel setzt, und fasziniert von den Versuchen, die Konsequenzen zu tragen. Der kontrollierte Stil – funktionale finnische Architektur, symmetrische Bilder – und die Nachdenklichkeit der Gesprächspartner suggerieren eine Rationalität, der die Stoßrichtung des Films zuwiderläuft: Als intellektuelle Abenteuerreise ist Into Eternity so paradox wie sein Sujet – gleichermaßen unheimlich und Ehrfurcht gebietend.
„Into Eternity“ ist im Mai und Juni auf Österreich-Kinotournee: Am 8.Mai, um 13Uhr, im Wiener Filmcasino wird Regisseur Michael Madsen zugegen sein. Weitere Termine: intoeternity.poool.at
TV-Ausstrahlung: 15.Mai, 23 Uhr, ORF2 als „Für die Ewigkeit“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2011)
16. Mai 2011, Neue Zürcher Zeitung
Endlagerung? «Into Eternity» im Filmpodium
Christoph Egger ⋅ Ein hochinteressanter, noch sehr lange «aktueller» und erfreulicher Film: Es fehlt völlig jene Mixtur aus Panikmache und «Betroffenheit», mit der das Thema Atommülllagerung gerade seit «Fukushima» wieder bewirtschaftet wird. Unter dem finnischen Begriff für Versteck, Onkalo, wird gegenwärtig – und noch bis ins 22. Jahrhundert hinein – in der finnischen Taiga ein riesiger Tunnelkomplex für ein Endlager für radioaktive Abfälle realisiert. Zur Vergegenwärtigung dieser Arbeiten hat der 1971 geborene dänische Dokumentarist Michael Madsen eine suggestive Bildsprache gefunden, mit der er Präsenz und Verschwinden verdeutlicht, das Ephemere und Vorübergehende der Existenz des Menschen, das in so völligem Widerspruch steht zur Langlebigkeit der von ihm erzeugten nuklearen Spaltprodukte.
Ingenieure, Techniker, Sicherheitsfachleute, aber auch eine Radiologin und ein Theologe sehen sich durch den Filmemacher herausgefordert, nachzudenken und Begrifflichkeit herzustellen angesichts von Fragen, wie «Sicherheit» über Zeiträume hinweg zu schaffen beziehungsweise zu gewährleisten sei, die jedes menschliche Vorstellungsvermögen übersteigen. Lässt sich mit einem hermetisch versiegelten Endlager, wie es hier konzipiert wurde, der unausrottbaren menschlichen Neugierde begegnen? Wie wären die unumgänglichen Warnungen vor dem Tiefenlager für künftige Generationen zu gestalten, das Paradox des beständigen «erinnern, um zu vergessen» umzusetzen? Und wie ist diese «Entscheidung in die Ungewissheit» auszuhalten? So dass der Betrachter zuletzt nicht umhinkommt, sich zu fragen, ob denn das Konzept des Endlagers, selbst in dieser sichersten überhaupt denkbaren Form, wirklich die adäquate Lösung ist, wenn eben Sicherheit unmöglich auf hunderttausend Jahre garantiert werden kann. Spräche da nicht manches für das kontrollierte «permanente Zwischenlager»?
Zürich, Filmpodium, 16. Mai bis 4. Juni. Am 17. Mai findet im Anschluss an die Vorführung von 18 Uhr 15 eine Podiumsdiskussion über die Endlagerung radioaktiver Abfälle statt.
