Wolfgang Rucker


Im Porträt (aus der PN 2/06)

Der Mann hat Fülle! Rein körperlich würde er Stoff für zwei Porträts hergeben. Woran man sieht, daß der Mann auch Humor haben muß und Spaß versteht… In seinem begnadeten „Klangkörper“ vibriert das Leben in musischer Fülle mit all seinen Saiten. Und nicht „nur“, wenn er singt. Mit Leib und Seele liebt er das Leben, mit Leib und Seele verteidigt er das Leben. Zuallererst als Arzt. Arzt aus Berufung. Frauen und Kinder sind nicht nur vor und bei der Geburt gut bei ihm aufgehoben. Wenn er als Arzt gebraucht wird, dann ist er Arzt mit Haut und Haar, mit Leib und Seele.

Die musische, die lebensfreundliche Kultiviertheit ist bei Wolfgang Rucker nicht nur Gepflegtheit von persönlichem Gusto, ob in Kunst, Wohnen oder Essen. Mensch merkt schon: er kocht gern selber und kocht gut; dem läuft bei vielem das Wasser im Mund zusammen, aber es erschöpft sich nicht im eigenen, individuellen Plaisir. Gegen die Öde und fürs Lebendige tritt er auch ein, „wenn’s politisch wird“. Wohl im Sinne von Albert Schweitzers „Leben ist Leben das leben will inmitten von Leben“ will er, daß die Spender der Speisen im Vorfeld des Essens, daß die Lebensspender gut leben. Gut leben können. Die Tiere und die Pflanzen. Und die Menschen, die mit und aus ihnen unsere Nahrung schaffen. Darum war Wolfgang Rucker, der Gynäkologe und Kinderarzt, auch bei der Entwicklung der Salzburger Biobauern mehrfach Geburtshelfer, öffnete mit seinem Flair von bürgerlichem Establishment, mit seiner Autorität als Arzt Türen für die mißtrauisch beäugte alternative Land- und Lebensmittelwirtsschaft, die Erzeuger-Verbraucher-Initiative (EVI).

Überhaupt: Alternativen interessieren ihn. Weil ihn die Vielfalt interessiert. Ein Bein fest in der etablierten Medizin. Das andere in der Alternativmedizin. Als einer der ersten praktizierte er in Salzburg Homöopathie. Als Mitglied der seinerzeitigen „kritischen Ärzte“ und als PLAGE-Geist war und ist er zB an unseren Initiativen gegen übermäßiges Röntgen, für alternative Diagnoseverfahren zum Röntgen, für vorsichtigen und nicht „automatischen“ Einsatz von Strahlen in der Medizin beteiligt.

Und wie dieser Arzt und bon vivant und Liebhaber des Lebens im Gefolge des Tschernobyl-Strahlenregens ins atomkritische Engagement schlitterte, zur Plattform stieß, sich dabei die Finger zu verbrennen bereit war, zusammen mit seiner Frau Franziska bei der „Mütter“-Milchaktion mitwirkte usw – ja,das sollte nun wirklich in diese PN-Ausgabe zum 20. Tschernobyl-Jahrestag! Und trotzdem kommt’s nun in die nächste Nummer. Eben: der Mann erfordert das erste PLAGE-Porträt mit Fortsetzung!...

Fortsetzung Im Porträt (aus der PN 4/06)

Teil 1 in PN 2/2006 skizzierte mehr den ganzen Menschen, sein Wesen, seine Ausstrahlung, seine Falstaffsche Fülle. Das Antiatom-Engagement war kaum mehr als angedeutet. Wie aber „schlitterte“ der Sänger und Genießer da hinein? Ziemlich stürmisch!
Die eigene Sensibilisierung durch die erste Tschernobyl-Zeit, und die teils extreme Sensibilisierung seiner Patientinnen, die bei ihm, dem Frauenarzt, Rat suchten, steigerten seine Wahrnehmung der Gefahren der Radioaktivität schlagartig und nachhaltig. Intensiviert durch die konfliktgeladene Auseinandersetzung um das Projekt der Atommüll-Aufbereitungsanlage in Bayern, die WAA Wackersdorf. Am 1. Juni 1986 waren Wolfgang Rucker und seine Familie mit im Zug der 3.000 Salzburger nach Wackersdorf.

Es waren aber die Aufarbeitung von Tschernobyl, die dem Arzt nahe ging und seine Courage wirklich forderte. Unter den Bildungsinstitutionen in Salzburg nimmt sich damals, im Frühsommer 1986, das Bildungshaus St. Virgil des Themas an. Es veranstaltet einen Informationsabend. Dazu hat es einen Kinderarzt aus Niederösterreich gefunden. Doch keinen Arzt aus Salzburg. Schließlich stößt St. Virgil auf Wolfgang Rucker. Der sagt zu. Unter anderem aufgrund einer Selbsterfahrung: als junger Arzt hat er längere Zeit auf einer Krebsstation gearbeitet, als es dort noch ziemlich ungeschützt zuging. Zur Veranstaltung in St. Virgil werden, denkt er „ein paar Leute“ kommen. Dann sind Hauptsaal, Nebensaal und die Gänge zum Bersten voll! Die Menschen sind begierig nach Wissen über dieses Unsichtbare. Nicht unbedingt allerdings alle. Beim Hinausgehen meint ein angesehener Arztkollege: „Du Wolferl – keine Panik!“...

Ein paar Wochen später. Anruf von St. Virgil. Die dortige Leitung ist so korrekt, ihn von einem Brief in Kenntnis zu setzen. Eine Gruppe Kinderärzte erhebt darin schwere Vorwürfe: Wie kann er als Arzt eine solche Panikmache betreiben! Er leiste damit Abtreibungen Vorschub, und er habe Heilung per Homöopathie versprochen. Keiner der unterzeichnenden Ärzte war allerdings bei der Veranstaltung gewesen - lediglich die Frau eines einzigen von ihnen. Zum Glück hatte St. Virgil eine Bandaufzeichnung vom Infoabend. Bei einem Treffen konnten sich die Ärzte anhand dieses Bandes ein Bild vom tatsächlichen Verlauf des Abends machen und entschuldigten sich bei Rucker. In dieser Episode war er mit im Zentrum des „Sturms“. Meist und lieber agiert er als Einfädler und Ideenproduzent. Er kennt den damaligen Obmann der noch raren Biobauern in Salzburg, Leopold Prenninger. Dieser führt die Landwirtschaft am Erentrudishof des Stiftes Nonnberg. Nach anfänglichen Widerständen erreicht Dr. Rucker im Gespräch mit der Oberin: 1. Den Kühen wird Trockenfutter aus der Zeit vor dem Tschernobyl-Regen verfüttert; 2. täglich wird dennoch die Milch mit Strahlenmessungen kontrolliert; 3. die unbelastete, vor allem für Kleinkinder so wichtige Milch gibt’s auf Erentrudis ab Hof. Parallel dazu entwickeln die Salzburger Mütter für atomfreie Zukunft ein ähnliches Konzept: Mehrer Biobauern liefern „strahlenfreie Milch“ ins Schloß Mirabell, wo sie durch die Müttergruppe verkauft wird. Auch hier stehen die Ruckers mit Rat und Tat zur Seite.

Wolfgang Ruckers Gespür und Tatkraft erweisen sich in der Tschernobyl-Herausforderung ein drittes Mal. Er unterstützt die ersten medizinischen Hilfslieferungen für Tschernobyl- Geschädigte. Medikamente und ein Ultraschallgerät werden in die weißrussische Hauptstadt Minsk und in das schwer verseuchte Gomel transportiert. Franziska Rucker, M. Maier vom ORF Salzburg sowie – wegen der Sprach- und Ortskenntnis – Völkerrechtler Michael Geistlinger von der Universität Salzburg begleiten den Transport. Im Zuge dessen kommt es zum Kontakt mit einem dortigen Kinderarzt, Dr. Pavlenko, der dadurch ein strahlenkrankes Mädchen zur Behandlung nach Salzburg bringen kann. Die Verbindung mit dem Kinderspital im LKH Salzburg (Dr. Grinberger) wird eingefädelt. Lena, lange in der Familie Helmut und Ariane Hüttinger untergebracht, wird im Landeskrankenhaus operiert. Zunächst erfolgreich. Wenige Jahre später allerdings ist die Wirkung der Strahlen stärker als ihr junges Leben…

Umso mehr weiß der Arzt, warum er gegen die zynischste aller Energien kämpft. Bis heute.

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